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german.pages.deNicht nur ZitronenIn Italien blűhen nicht nur Zitronen, und der Chiantiwein ist selten sein Geld wert. Italien hat verborgene Vorzűge, die der Fremde erst beim zweiten Hinblicken entdeckt. Italien ist, zum Beispiel, nicht verspargelt. Die äolische Energie, in Deutschland durch Windparks gebändigt, ist im Land der Pinien und Zypressen unpopulär. Am lokalen Einspruch scheitern die meisten Vorhaben mit dem Erfolg, dass Italien nur ein Sechzehntel der deutschen Spargel aufweist, und damit, wie so oft, das Ende der europäischen Statistik ziert. Zu dem zarten Duft des Jasmins und der Orangenblűten gesellt sich nicht selten eine andere typisch italienische Duftkomponente: die brennenden Műlls. Wilde Műllhalden, űber Nacht irgendwo entstanden, sind das Ergebnis schlecht privatisierter kommunaler Műllentsorgung. Jedoch sind weite Teile des Landes frei von den Bienenstock-Kolonien grosser Műllcontainer, die andernorts so viele hűbsche Plätze verschandeln. Stattdessen kommt aller Műll in eine einzige Tonne, von der Babywindel bis zum Spaghettirest und dem Zeitungspapier. Flaschenpfand? Unbekannt. Dosenpfand? Lach! Nur der Bauschutt und Sperrműll werden separat abgeholt. Die Műlltonnen sind relativ klein und werden in vielen Städten täglich geleert, auch an Samstagen, manchmal sogar an Sonntagen und nachts. Műllmänner sind geachtete Bűrger, denn sie haben einen regulären Vertrag mit allen sozialen Leistungen. Viele von ihnen sind Akademiker, die die Sicherheit einer kommunalen Arbeit der Brotlosigkeit oder Arbeitslosigkeit vorziehen. Generell funktionieren Italiens Műlltrennungs-Anlagen, und der Entsorgungsnotstand ist relativ. Italien ist zwar Gastgeber des Vatikans, aber aus Tradition ein laizistisches Land. Das zeigt sich auch an der Bereitschaft, Geschäfte am Sonntag offen zu halten. Nicht nur in den touristischen Zonen, sondern auch in Grosstädten kann man den ganzen Sonntag űber einkaufen. Die Einkaufszentren am Stadtrand sind durchgehend geöffnet, wie auch die Baumärkte und viele Kaufhäuser und grosse Supermärkte, Fűr den Verbraucher, der während der Woche aus Zeitmangel und Verkehrsproblemen nicht zum Einkaufen kommt, ist der Sonntag wie in Amerika die Gelegenheit, ruhig, unproblematisch und bargeldlos shoppen zu gehen. Nur 35 Kilometer vom Vatikan entfernt, tummeln sich Nackte an einem fűr sie reservierten Strand, einem von Dutzenden Stränden in ganz Italien, die entweder fűr den Nudismus freigegeben sind, oder toleriert werden, oder bei denen Mischbetrieb geduldet ist. Toleranz ermöglicht eine Lebensqualität, die Italien hoch achtet, solange sie nicht auf Kosten der Allgemeinheit geht. Dann freilich wird hart durchgegriffen wie das Rauchverbot in Lokalen beweist. Es wurde von einem Gesundheitsminister erzwungen, der nachher freilich űber einen Korruptionsverdacht stolperte. Jedoch selbst ein Regierungswechsel konnte das Verbot nicht ins Wanken bringen. Wenn man von den Hanswurstiaden der Nordliga, einer Regionalpartei, einmal absieht, ist Italien ein erstaunlich fremdenfreundliches Land. Obgleich der Touristenwirt die Reisenden oft erbarmungslos abzockt und Heere von Dieben den Fremden auf ihren Reisewegen folgen, geht es dem landeskundigen, sesshaften Ausländer eigentlich hervorragend. Falls er Nordländer ist, gibt man ihm oft mehr Kredit als einem Einheimischen; falls er Sűdländer ist, wird er in der Regel weniger diskriminiert als anderswo. Balkanier, Osteuropäer, Araber, Afrikaner und Asiaten werden zumindest in den grossen Städten im Handumdrehen integriert, so sie sich nur die Műhe machen, ein wenig italienisch zu lernen. Sie lernen gerne, und lernen schnell. Parallelgesellschaften, Absonderung in Ghettos? Unbekannt. Allenfalls ein paar Lagersiedlungen fűr Nomaden, wie man Roma und Sinti amtlich nennt. Armenviertel an der Peripherie, in denen mehr Ausländer als Italiener leben, ja. Aber nicht zum Zweck der Ghettobildung, sondern als Űbergangsmassnahme, bis man sich eine zentrumsnahere Wohnstätte leisten kann. Angelsachsen freilich sondern sich gerne ab. Manchen unter ihnen gilt Umgang mit den Einheimischen als sozial wenig wűnschenswert don't go native und einige sprechen selbst nach zwanzig Jahren in Italien die Landessprache noch nicht. Natűrlich hat auch Italien Probleme mit der Kriminalität gewisser Einwanderergruppen, vor allem der Rumänen, Albanier, Roma-Kinder und marokkanischen Taschendiebe. Schon einmal brachte eine Einwanderungswelle die der oft kriminellen albanischen Bootsflűchtlinge eine Regierung zu Fall. Der damalige Premier d'Alema ist zwar nun wieder in der Regierung, doch nur in der vergleichsweise harmlosen Position des Aussenministers. Italien bietet noch einen unschätzbaren Vorteil, vor allem fűr die Deutschen: seine Wirtschaft funktioniert noch schlechter als die deutsche. Als Schlusslicht der europäischen Vergleichstabellen rettet Italien seinen nördlichen Nachbarn davor, den letzten Platz zu zieren. Es ist doch schön, noch jemanden unter sich zu wissen!
—— Giorgio Ascoltone |